Mobile Arbeit

    Homeoffice – Wohltat oder Falle?

    Mobile Arbeit

    Homeoffice – Wohltat oder Falle?

    Das Arbeiten von Zuhause aus, neudeutsch Homeoffice genannt, wurde früher nur von wenigen Arbeitgebern angeboten. Und das auch nicht freiwillig: Meistens war es eine Sozialplanregelung, um sozialverträglich mit Standortschließungen umzugehen. Die betroffenen Beschäftigten hatten so die Möglichkeit, weiter ihre bisherige Tätigkeit auszuüben, ohne umziehen zu müssen und ihre sozialen Bindungen aufzugeben.

    Jetzt hat die Corona-Pandemie dem ganzen Thema einen neuen Schub gegeben: Zumindest bei Büroarbeit sind Arbeitgeber in Pandemie-Zeiten verpflichtet, ihren Beschäftigten anzubieten, von Zuhause aus zu arbeiten. Ein Zwang hierzu kann es nicht geben, denn der Arbeitgeber kann nicht über das Zuhause verfügen.

    Und plötzlich finden auch Arbeitgeber die Idee klasse: Sie ermöglicht es ihnen nämlich, Büroflächen abzumieten und das Ganze als sozialpolitische Wohltat zu verkaufen.

    In der Tat hat das Arbeiten im Homeoffice auch für Beschäftigte Vorteile: Sie ersparen sich den teilweise langen und stressigen Arbeitsweg und je nach Arbeitszeitregelung gelingt es auch leichter, familiäre Pflichten und persönliche Interessen mit dem Arbeitsalltag zu verbinden. Die Risiken liegen nicht ganz so eindeutig auf der Hand: Untersuchungen belegen, dass die Neigung zu gegebenenfalls unbezahlten Überstunden im Homeoffice deutlich ansteigt. Die Verknüpfung mit familiären Pflichten belastet insbesondere Frauen; Expert*innen berichten von einem Rückfall der geschlechtlichen Rollenbilder um mehrere Jahrzehnte während der coronabedingten Pandemie. Je nach Ausstattung des zunächst provisorisch genutzten häuslichen Arbeitsplatzes wird es mittelfristig zu einer deutlichen Zunahme von Muskel-Skelett-Erkrankungen kommen, denn der Laptop am Küchentisch ist keine gesundheitsförderliche Arbeitsumgebung. Dass der Plausch mit den Kolleg*innen in der Teeküche wegfällt, ist auch keine Kleinigkeit: Der weitgehende Wegfall informeller sozialer Kontakte im Betrieb belastet auch die psychische Gesundheit.

    Vorreiter Postgewerkschaft

    Was ist also zu tun? ver.di beziehungsweise die Vorgängerorganisation Deutsche Postgewerkschaft (DPG) hat als erste Gewerkschaft vor vielen Jahren bei der Deutschen Telekom AG tarifvertragliche Grundlagen für die betriebliche Ausgestaltung des Homeoffice geschaffen. Unabhängig davon hat der Gesetzgeber, wenn auch spät, die Ausgestaltung der mobilen Arbeit in Paragraph 87 Abs. 1 Nr. 14 BetrVG jüngst mitbestimmungspflichtig gemacht und in den Schutz der gesetzlichen Unfallversicherung einbezogen. Das sind freilich keine Gründe, die Hände in den Schoß zu legen, sondern das sind Handlungsaufträge für die betriebliche Wirklichkeit. Insbesondere muss es jetzt darum gehen, die Regelungen, die pragmatisch zur Bewältigung des Homeoffice während Corona-Zeiten getroffen worden sind, auf ihre Zukunftsfähigkeit zu überprüfen.

    Drei Themenbereiche stechen dabei heraus:

    Gesundheit geht vor

    Erstens muss es gelingen, sowohl im Betrieb als auch im Homeoffice den Anspruch auf einen gesundheitsförderlichen Arbeitsplatz zu sichern. Der Broschüre „Mobile Arbeit – Empfehlungen für die tarif- und betriebspolitische Gestaltung“ von ver.di enthält dazu viele Anregungen.

    Die gesundheitsgerechte Gestaltung der betrieblichen und häuslichen Arbeitsplätze darf nicht dazu führen, dass die betrieblichen Arbeitsplätze verschwinden. Deswegen muss der Anspruch auf Homeoffice mit einer Sicherung der betrieblichen Standorte verknüpft werden. Die Kosten für die Ausstattung des häuslichen Arbeitsplatzes können nicht bei den Beschäftigten hängenbleiben. Das, was der Arbeitgeber durch neue Raumkonzepte einspart, muss arbeitgeberseitig in begleitende Maßnahmen wie Gefährdungsbeurteilungen und einer Kostenerstattung für die Büroausstattung zuhause reinvestiert werden. All dies unterliegt der Mitbestimmung und ist mit unserer Begleitung auch schon betrieblich geregelt worden.

    Zweitens ist Homeoffice allein kein Grund, von im Betrieb bewährten Arbeitszeitregelungen abzuweichen. Die Erreichbarkeit oder auch nur die Bereitschaft zum Empfang von Mails außerhalb der betrieblichen Arbeitszeit ist mitbestimmungspflichtige und vergütungspflichtige Rufbereitschaft. Jeder Einsatz außerhalb der verabredeten Arbeitszeit ist ein Herbeiruf, der den gleichen Schranken unterliegt.

    Zugleich bietet die neuere Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs die Grundlage dafür, dass Betriebsräte die Erfassung solcher Zeiten unabhängig vom Arbeitsort durchsetzen können. Zur Arbeitszeit zählt auch die Fahrt ins Büro und zurück, wenn aufgrund technischer Probleme die Arbeit nicht von zuhause aus erledigt werden kann.

    Drittens bedeutet Homeoffice, dass der Arbeitsplatz zuhause auch zum Betrieb gehört. Der Kontakt zur Gewerkschaft ist deswegen in gleichem Umfang sicherzustellen wie bei der Anwesenheit im Betrieb. Daher haben Gewerkschaften Anspruch auf kommunikativen Zugang zu Beschäftigten im Homeoffice über die dienstliche Mail-Adresse. Und jedes Gewerkschaftsmitglied darf daher auch während der Arbeitszeit im Homeoffice bei anderen Beschäftigten für den Eintritt in die Gewerkschaft werben, sei es per E-Mail oder per Telefon.

    Es bleibt also viel zu tun, damit Homeoffice nicht nur kurzfristig als Wohltat angesehen wird, sondern betriebliche Regelungen entstehen, die langfristig Beschäftigtenrechte sichern und die Arbeitszufriedenheit erhöhen.

    Dr. Frank Lorenz

    Ein Artikel von Rechtsanwalt Dr. Frank Lorenz

    Veröffentlicht in der Ausgabe 08/2021 der KOMM, unseres Magazines des Fachbereichs TK.IT

    silberberger.lorenz,
    kanzlei für arbeitsrecht,
    Düsseldorf

    Tagung 6.10. we expect better
    © Manfred Geneschen